Carolin Eidner – unconditional, Bhf. Düsseldorf-Bilk

"unconditional", Installation Bahnhof Düsseldorf-Bilk, 05. Dez 2011 - 29. Jan 2012

Carolin Eidner and Bilker Bahnhof present:
unconditional
05. Dez 2011 – 29. Jan 2012, 24h geöffnet
kuratiert von Ulla Lux
Telefon +49  (0)211/89-96148

Der Blick, den es nicht gab
Text: Gia Edzgveradze

Slavoj Zizek hat ein beispielhaftes Werk der zeitgenössischen Kunst folgendermaßen charakterisiert: Das Bild muss anziehen und bezaubern, dabei jedoch so leer sein, das es zum Feld unbegrenzter Interpretationen wird.

Aufgabe eines modernen Kunstwerks ist es also, ein verführerischer Ort für endlose Fragestellungen und Umwertungen zu sein, das heißt ein Ort des radikalen Transits beziehungsweise ein lockender Nichtort der Vieldeutigkeit. Ein Beispiel für einen Nichtort ist der Bahnhof. Ein Durchgangsterritorium, das nur zu dem Zweck existiert, dass man es verlässt. Doch im Fall des Bahnhofs lässt sich die Route seiner Durchquerung vorhersagen. Durch diesen Nichtort begeben wir uns entweder zur Offenheit des sozialen Raumes oder kehren zur Autonomie und Abgeschlossenheit unseres intimen Seins zurück. Der Bahnhof ist der Nichtort zwischen dem Binären, des Transits durch zwei Türen – Eingang und Ausgang. Der Transit des Bahnhofs ist also linear, nicht radikal. Er hat nichts Unerwartetes, nichts, was endloses Drehen und Wenden verursachen würde (die Eigenschaft, die Zizek bei einem modernen Kunstwerk voraussetzt). Der Bahnhof ist fest mit einer konkreten Vergangenheit verbunden, die man zurücklässt, aber nur, um sie in einer assoziierten Zukunft zu reproduzieren, die lediglich in Bezug auf diese Vergangenheit vorausgesetzt und geplant wird. So sieht die Bestimmung des Bahnhofstransits aus, der niemals unbegrenzte Möglichkeiten jener „radikalen Zukunft“ (Derrida) anbietet, die das moderne Kunstwerk durch seine unkonditionierte Durchlässigkeit in die Welt einbringen soll – sofern es seiner echten Mission eines gewagten Unternehmens entspricht.

Die dritte Tür im zweitürig determinierten Transit des Bahnhofs Düsseldorf-Bilk bietet uns Carolin Eidner an. (Auf der Einladungskarte schreibt die Künstlerin den Namen des Bahnhofs wie einen männlichen Vornamen und verweist damit auf den binären Charakter des Bahnhofstransits hin zum männlich-phallischen Element). Diese dritte Tür, die uns die Chance zum „unkonditionierten Transit“ eröffnet, ist bei Carolin der Blick. Der Blick aus intensiv neonblauen Augen – Beispiel für die unbegrenzten Veränderungen – ein fragender und bestätigender Blick, ein lockender und bezwingender Blick, ein liebevoller und missbilligender Blick, digital, aber dennoch menschlich, warnend und verführerisch, ein Blick des Liebenden und der starre Blick des Eifersüchtigen. Ein Blick, der nicht hört, aber vernimmt, ohne zu zwinkern andeutet, ohne Druck lenkt und hartnäckig die Chancen vermehrt, deren unverzügliche Wahrnehmung er von uns fordert.

Dieser seltsame Blick, der uns stark aufwühlt, entschwebt schließlich graziös aus der grauen Unansehnlichkeit des Bahnhofs in ein unerforschtes Weiß (wie es sich für alle Fische mit dem Etikett „Seefisch“ gehört).

Wenn man es recht bedenkt, bewerten alle Religionen und die gesamte Philosophie unser Dasein hier auf Erden als binären Transit, also als Bahnhofssituation, als konditionierten Nichtort. Sie behaupten, unser Status hienieden erfordere es nicht, uns einzuleben, unser Plätzchen zu finden und hier ein Haus zu bauen. Carolin Eidners Blick stellt diese unsere ursprüngliche Transitsituation, unsere sozusagen zweitürige Existenz, sehr elegant in Frage.

Nachdem die Menschen einen schnellen Happen gegessen und sich mit einem flüchtigen Blick gestreift haben, verfolgen sie mit besorgter Miene die einmal eingeschlagene Richtung (kaufen die Fahrkarte) oder warten, wenn sie umsteigen müssen, auf den „verspäteten Zug“. Wegen dieser hastigen „Zielgerichtetheit“ fragen sie sich auf dem Bahnhof nie: Warum sind wir hier? Hier, das versteht sich quasi von selbst. Wirklich? Zwei Monate lang haben wir im Bahnhof Düsseldorf-Bilk die Möglichkeit, uns mit dieser Frage an den intensiv neonblauen Blick zu wenden.

Comments
One Response to “Carolin Eidner – unconditional, Bhf. Düsseldorf-Bilk”
  1. Jean sagt:

    Ich bin eben das erste mal auf die Seite gekommen. Gefaellt mir bis jetzt gut.

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